Demokratiekonferenz 2019

Speeddating bei der Demokratiekonferenz

LVZ C. Carell | 14.05.2019

Eine Demokratie-Konferenz pro Jahr findet im Landkreis Leipzig statt – aber oft merkt das kaum einer, weil intern im stillen Kämmerlein diskutiert wird. Am Donnerstag war es anders: Mit „Demokratie zum Mitmachen“ war die Konferenz auf dem Grimmaer Markt überschrieben, organisiert vom Netzwerk für Demokratische Kultur, dem Bildungs- und Sozialwerk Muldental  und dem Jugendamt des Landkreises. Es ging um Politik zum Anfassen – hier drei Beispiele.

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Speeddating: Die Paare nahmen am langen Tisch auf dem Markt Platz. Wie bei der Suche nach der großen Liebe sitzt man sich gegenüber, schaut sich in die Augen und fragt. Diesmal: Was traust du dir nicht zu sagen? Wer oder was hat dich politisch geprägt? Wo verläuft für Dich die Grenze, die nicht überschritten werden darf? Zwei Minuten Zeit, dann war Partnerwechsel.

Welche Diskussion ist überfällig, welche überflüssig? So hieß eine mögliche Frage beim Speeddating zum Thema Politik. Die Teilnehmer konnten sich selbst Fragen ausdenken oder ein gelbes Heftchen mit Vorschlägen nutzen. Thomas Kube

„Das ist eine schöne Möglichkeit, sich bei solch einer Veranstaltung kennenzulernen“, sagte Yannis Haug-Jurgan von der Initiative für eine offene Gesellschaft. Er moderierte die Konferenz. Die in diesem Jahr gegründete Initiative, die deutschlandweit agiert, habe genug von „Dauerempörung und Untergangsstimmung“, heißt es auf der Homepage. Es gehe um echte Kontakte und persönliche Gespräche, um das, „was die Menschen im Land wirklich bewegt und ihre Vorschläge für eine bessere Gesellschaft“. Anstatt sich auf eine Politik der Angst einzulassen, wolle man die offene Gesellschaft verteidigen.

Nägel für oder gegen die Wahlpflicht: Auf dem Markt waren verschiedene Stände aufgebaut. Bei Magnus Düerkop vom Verein Politik zum Anfassen konnten Kinder und Erwachsene den Wahr- und Falsch-Automaten testen. „In der EU gibt es 18 offizielle Amtssprachen.“ Stimmt das? Nein, es ist falsch, es sind 24. Es gab auch eine Bonbon-Schatztruhe – mit verschiedenen Schlüsseln. Je nachdem ob die Antwort stimmte, gab es Süßigkeiten oder nicht.

Magnus Düerkop am Stand des Vereins Politik zum Anfassen. Der 18-Jährige ist gegen eine Wahlpflicht, deshalb hämmert er den Nagel beim „Nein“ rein. Claudia Carell

Abstimmen konnten Passanten mit Hammer und Nagel darüber, ob eine Wahlpflicht eingeführt werden soll. Der Nagel kam in einen langen Holzblock, auf die Ja- oder Nein-Seite. „Es geht bei uns um Politik zum Anfassen, deshalb all die Mitmachstationen“, sagte der 18-Jährige Düerkop aus Salzgitter, der seinen Bundesfreiwilligendienst absolviert. Er arbeitet im Vereinsbüro, ist aber auch viel unterwegs, zurzeit im Landkreis Leipzig.

Die vergangenen Tage sei das Wetter nicht so gut gewesen, „aber heute sind allerhand Leute zu uns an den Stand gekommen“. Es habe gute Gespräche gegeben. Was ihm aufgefallen sei: Viele würden „sehr offen“ diskutieren und häufiger als anderswo gebe es Meinungen aus dem politisch eher rechten Spektrum.

Beteiligung mit Lust statt Frust: Darum ging es bei einem der Workshops. Ulrike Jurrack von der Bürogemeinschaft für integrative Stadtentwicklung arbeitet seit 15 Jahren an Projekten, wo es um eine möglichst gute Bürgerbeteiligung geht. Dabei sei stets das Wesentliche, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dies müsse gar nicht aufwendig organisiert werden. Sie nannte dafür einige Beispiele.

In einem Ort gab es Knatsch wegen eines Mehrgenerationenhauses. Chef und Hausmeister des Quartiers stellten sich bei schönem Wetter mit einem Sonnenschirm vor den Supermarkt und sprachen mit vielen Leuten. Dann kam noch die Presse vorbei „und damit kam Bewegung in die Sache und es wurden Dinge verbessert“, so Jurrack.

Oder: In einem Ortsteil einer größeren Stadt wurden von älteren Bewohnern kaum Angebote angenommen. So organisierten einige Bürger ein Treffen unterschiedlichster Leute, die sich vorher oft gar nicht kannten. „Es entstand ein Nachbarschaftsnetzwerk“, sagte Jurrack. Seitdem sei in dem Dorf viel mehr los, ältere Leute werden eingebunden. Das alles „mit wenig Aufwand und großem Gewinn“.

Wichtig sei immer, „dass nicht nur gelabert wird, sondern dass es konkret um eine Sache geht“. Man müsse stets versuchen, Menschen direkt anzusprechen. Denn: „Wenn zur Bürgerwerkstatt ins Rathaus eingeladen wird, kommen 80 Prozent der Leute gar nicht auf die Idee, dass auch sie gemeint sind.“ Als Ansprechpartner und Ideengeber empfiehlt sie das Netzwerk Bürgerbeteiligung.

 

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